VANESSA KARRÉ - Please pay the Ferryman

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VANESSA KARRÉ - Please pay the Ferryman

»wir sind helden«, album artwork »von hier an blind«
»Wir sind Helden«, Album Artwork »Von hier an blind«

Friedrich Weltzien für JITTER

So hat es schon Friedrich Schiller gesehen: in der echten Kunst müsse die Musik gestalt werden und das Bild zur Musik. Zumindest in ihrer Wirkung aufs Gemüt, so schrieb er 1795 über die ästhetische Erziehung des Menschen, sollen sich die Künste ähneln. Dieser Anspruch hat in den letzten 200 Jahren nichts verloren - jedenfalls soweit es die Gestaltung von Plattencover betrifft.

 

Vanessa Karré hätte das als Motto dienen können, als sie 2005 für die Band Wir sind Helden das Artwork rund um das Album »Von hier an blind« erstellte. „Es ging mir nicht nur darum, die Stimmung der Musik, sondern auch den Charakter der Musiker zu zeigen", sagt sie über ihre Arbeit. Die Band bezeichnet sich selbst ironisch als Helden. Sicher, der Name verdankt sich David Bowies krassen Zeiten in Berlin, aber trotzdem verkörpert die Band eine Sorte Helden, die eher nette Leute sind als working class heroes, eher schlau als brutal, eher lustig als verbissen. Was also läge näher, als sie in Comic-Helden zu verwandeln?

 

Vanessa Karré entschied sich für die ligne claire, um mit dieser Bildsprache die Musik auf »Von hier an blind« graphisch zu erfassen. Die geschlossenen Formen dieses Stils, die eleganten Schwünge mit beinahe unmoduliertem Strich, die klar definierten Silhouetten in großzügigen Flächen entsprechen den Texten von Judith Holofernes. Deren Lyrics finden klare Bilder um eindeutige Aussagen zu machen, mit oft poetischen Metaphern zaubern sie auf elegante Weise ruhige Tableaus hervor. In dieser Hinsicht ist Schillers Idee verwirklicht: die Wirkung auf den Hörer ergänzt sich aufs vortrefflichste mit der auf den Betrachter.

 

Das ließe sich auch über die Farben sagen. Die Schnörkellosigkeit des Sounds auf dem Album findet seine Entsprechung in der Kolorierung: mit warmen Tönen füllt Vanessa Karré große Flächen. Sie verzichtet auf plastische Effekte, auf Grauwerte oder Farbverläufe. Kunsthistorisch steht das dem Jugendstil nahe, der es sich bei den traditionellen Farbholzschnitten Japans, dem Ukiyo'e, abgeschaut hat. Die Kombination von schwarzer Lineatur mit Farbflächen fast ohne Binnenstruktur diente schon in Japan dazu, Text harmonisch ins Bild einzubinden. Diese Verbindung von Text und Bild suchten auch die Graphiker des Jugendstils und deren Lösungen übernahm der Zeichner Hergé für seine klassischen Comics - Lösungen, die Vanessa Karré für das »Helden«-Artwork weiter entwickeln konnte. Sie sagt dazu: „es war mir sehr wichtig, offensiv mit ligne claire zu arbeiten. Ich wollte, dass man Hergé leicht wiederfindet, denn seine reduzierte Art, alles in einem einzigen Strich auszudrücken, halte ich für eine Grundlage heutiger Zeichnenkunst."

 

Da passt es auch gut, dass sich die erste Singleauskopplung »Gekommen um zu bleiben« musikalisch an die Swing-Ära der 30er und 40er Jahre anlehnt - jener Zeit, in der Georges Rémi, alias Hergé, mit den ersten Tintin-Abenteuern den Stil der ligne claire kultivierte. So kommen die asymmetrischen Kleider, die Pilotenjacken, Pelzkrägen und Seemannspullover auch als perfekte historische Kostümierung zur Geltung.

 

Es ist eine Bildsprache, die fürs Geschichtenerzählen entwickelt wurde. Die Summe aller Bilder, die Vanessa Karré für die »Helden« gemacht hat, ergibt eine Story. Die Cover von Album und Singles, die Inlets, Faces und andere Illustrationen zeigen die Figuren immer in Aktion: in der Wüste, in einer Hafenkneipe oder bei der Schatzsuche. „Man kann sich eine Geschichte ausdenken, wenn man die Bilder anschaut. Und diese Geschichte verändert sich ständig, je mehr Bilder man dazu findet", erläutert Karré das Konzept.

 

Eine Handlung zu zeigen, diese Gelegenheit bot sich auch mit dem Videoclip zum Song »Von hier an blind«. Der Animationsfilm, in Zusammenarbeit mit dem Berliner Studio Moon-Film hergestellt, übersetzt die Graphik in bewegte Bilder. Im Video folgen die Helden einem roten Faden, der sie durch Höhlen, Labyrinthe und Comicpanels führt. So soll auch Popmusik funktionieren, finden die »Helden«. Ebenso, wie sie im Clip von einem Bild ins nächste springen können, von einer Situation in eine ganz andere schlittern, so halten sie sich auch in ihrer Musik nicht an Gattungsgrenzen. Motive aus Jazz oder Rock können mit Reggae oder Funk zusammengebracht werden, ein Lied bedient sich aus dem reichhaltigen Fundus souliger Pathosformeln, ein anderes entdeckt im Punkriff das Schunkelpotential seiner Polkawurzeln.

 

Das ist eine postmoderne Geste, ganz offenbar: es gibt keine Berührungsängste, alles geht. Aber es gelingt, die Einflüsse zu einem eigenständigen Ganzen zu verbinden. Die Musik ist kein zusammengenähtes Monster aus Frankensteins Operationssaal der Beliebigkeit, sondern ein reichhaltiges Referenzsystem. Die Anspielungen machen Spaß.

 

Und auch die ligne claire ist ein Zitat, das Bezüge herstellt: Das »Helden«-Artwork referiert auf Hergé, so wie dieser auf den Jugendstil, der sich seinerseits aus dem Ukiyo'e speist. Wie bewusst der Umgang mit Graphikgeschichte ist, zeigt die Bühnendekoration, die Karré für den Auftritt von Wir sind Helden bei der Verleihung des Musikpreises »Komet« 2005 entworfen hat. Die gleiche Bildsprache verneigt sich hier direkt vor dem japanischen Holzschnitt und überspringt quasi die europäische Rezeption.

 

Um Musik zu visualisieren muss man also nicht Musiker bei der Arbeit zeigen - wie Schiller schon sagte: wichtig ist, einen vergleichbaren Eindruck zu erzeugen. Das ist, so könnte man sagen, ein Charakteristikum von Vanessa Karrés Arbeitsweise: der Witz liegt darin, Korrespondenzen zu erzeugen. Im Helden-Projekt lag diese Verbindung im Abgleich von Musikstil und Zeichenstil, von Figuren und Lyrics, von Bandimage und der Wirkung der Character.

 

Die Auffassung, dass Illustration immer eine Art der Übersetzung - und deshalb eine ernsthafte, künstlerische Tätigkeit - sei, dies hat Karré bei Wolf Erlbruch in Düsseldorf gelernt. Er hat ihr beigebracht, dass eine gute Graphik genauso tief durchdacht werden muss, wie ein Kunstwerk. Und diese Idee, dass Graphik Entsprechungen herstellen muss, dass eine gelungene Zeichnung Korrespondenzen und eine reiche Kette von Assoziationen eröffnet, das kennzeichnet ihre Arbeitsweise - denn auf einen Stil wie die ligne claire festlegen kann man Vanessa Karré nicht.

 

Zum Beispiel: »Immer muss ich draussen warten«, ein Street Art-Comic von 2007 für die Zeitschrift »Mächte«. Die aufwändige Bildtechnik spielt mit cut-outs - auf Papier ausgedruckte Figuren, die auf eine Hauswand geleimt werden. Eine nicht so ganz legale Kunstform der urbanen Subkultur, die per se schon gesellschaftskritisch ist, weil sie sich öffentliche Flächen aneignet und daher als zwangsläufig temporäre Ausdrucksform quasi unverkäuflich ist. Es geht bei Street Art also immer um einen Eingriff ins ‚wirkliche‘ Leben, um ein Entkommen aus den hermetischen Elfenbeintürmen etablierter Hochkunst.

 

Das greift der Comic auf: Kunst und Realität, die Sphäre des Ästhetischen und des Alltäglichen verknoten sich tatsächlich. Der Cowboy aus der Prairie stört das großstädtische Dasein, der Papiertiger interagiert, die Kunst greift ins Leben. Das Ganze wird fotografiert und als Bildergeschichte montiert, die ungefähr gleichweiten Abstand hält zwischen Fotolovestory aus der BRAVO und Ohne-Worte-Sketch der one-pager-Tradition.

 

Die Arbeitsweise ist immer Teil des Bildes, diese im Grunde simple Weisheit nutzt Vanessa Karré zu ihrem Zweck. Gleich, ob sie Collagen oder Fotoübermalungen anfertigt, oder Computerausdrucke mit Schere und Ölfarbe weiterbearbeitet, um sie wieder einzuscannen: immer baut die Technik zum Inhalt, die Darstellung zur Figur eine Beziehung auf, korrespondiert, spinnt und webt und wuchert in einem Referenznetz, das weiterzuziehen jeder Betrachter aufgefordert ist.

 

Musik ist in diesem Netz eine feste Größe. Ein anderes Beispiel: eine Illustration zum Song »I've never been to me«, einziger Hit der USamerikanischen R'n‘B-Sängerin Charlene aus den genderumkämpften 70er Jahren. Der Text spielt in der konservativen Liga eines »Stand by your man« (1969) von Tammy Wynette. ‚Truth‘, das Wahre, sei, ein Kind im Arm zu halten und seinen Mann zu lieben. Champagner auf einer Yacht an der Côte d‘Azur zu schlürfen und Sex mit einem Priester zu haben - kurz: das ‚Paradies‘ - ist dagegen nichts, eine gelebte Fantasie, die jede Frau notwendig unerfüllt zurücklasse. Die ausgiebige Verwendung von Streichersätzen in der musikalischen Umsetzung hat den Song zu einer Hymne der Transvestitenszene gemacht, etwa im Soundtrack von »Priscilla Queen of the Desert«.

 

Eine lustige Travestie mittelständisch-amerikanischer Werte in die Welt der Drag Queens: das eignet sich zur Überzeichnung. Den Maßstab, der das ‚echte‘ vom ‚falschen‘ Leben unterscheiden soll, hat Vanessa Karré in der Collage so wiedergegeben: Mutter und Kind sind fotografiert, Paris Hilton und Pete Doherty gezeichnet. Umschwebt werden beide von in Lack gemalten Wesen, die ein wenig an die außerirdischen Angreifer aus »Krieg der Welten« erinnern. Was im Song als Krieg der Weltbilder inszeniert wird, ist eigentlich - das zeigt deren Travestie - ein Krieg der Konzepte. Wie kleine Kraken fliegt die Musik mitten durch die abstrakten Ideen und erfüllt sie auf unräumlichem schwarzem Grund mit einem Fata Morgana-haften Leben. Die Illustration kann mit ihrem Schatz von Techniken und Motiven wie ein Fährschiff das ganze Spiel ins Bild und zu uns hinübersetzen.

 

Musik und Poesie sind deshalb unlösbar mit Bildern verknotet, weil wir einen isolierten Eindruck nicht mit Sinn füllen können. Wenn nicht die Einzelkünste ohnehin schon immer alle gemeinsam im Referenzsystem gemütlich wie in einer Hängematte schaukelten, wir könnten mit Genuss weder ein Bild betrachten, noch einem Musikstück lauschen. Die Kunst besteht darin - das sieht Vanessa Karré genau so wie Schiller - diese Beziehungen sichtbar werden zu lassen.

 

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»Wir sind Helden«, Album Artwork »Von hier an blind« »I’ve never been to me«, Illustration zu einem Song der USamerikanischen Sängerin Charlene, 2007
»Wir sind Helden«, Bühnenbild für Verleihung des Musikpreises »Komet« 2005 »Wir sind Helden«, Bühnenbild für Verleihung des Musikpreises »Komet« 2005
»Wir sind Helden«, Bühnenbild für Verleihung des Musikpreises »Komet« 2005

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