Turid Reinicke (AMD Akademie Mode & Design) für creative face Magazin
Ein bärtiger alter Mann schlurft vorbei an Stiefeln auf Podesten und einer rostigen Bank. Sein Gesicht ist weiß geschminkt mit einem roten Dreieck auf der Stirn. Auf dem Rücken trägt er so etwas wie das Gestell eines Campingstuhls... Nicht nur der Auftritt des ersten Models suggeriert dem Zuschauer, dass es sich bei der Catwalk-Show von Patrick Mohr bei dieser Mercedes-Benz Fashion Week Berlin um keine „normale“ Kollektionspräsentation handelt.
Artifizielle Mode braucht einen artifiziellen Auftritt. Keine mageren Models tragen die Mode des Designers, sondern vorwiegend Obdachlose. Die Gesichter sind ausdruckslos und wirken mit dem experimentellen Make-Up wie Masken. Generell mutet die Inszenierung von Patrick Mohr mystisch, fast schon geisterhaft an. Die Idee, sozial Benachteiligte in seine Show zu integrieren, wurde zu einer Kooperation mit dem Obdachlosen-Magazin „Straßenfeger“. Hier soll nicht nur das Werk des Künstlers, sondern auch der gesellschaftliche Kontext zum Nachdenken anregen und das Bewusstsein erweitern.
Die fremdartige Mode setzt sich aus Jeanswear-Elementen und körperfernen Gebilden ungewöhnlicher Materialien zusammen. Die für Mohr typischen geometrischen Elemente Dreieck, Viereck und Parallelogramm kehren in jeder erdenklichen Form wieder: bunte Holzbauklötze unter einer Art Badeanzug, monströse Wollgebilde, und an den Ku-Klux-Klan erinnernde Riesenkapuzen ziehen sich durch die Kollektion. Materialien wie Fallschirmseide, Filz, grobmaschige Wolle und transparenter Tüll werden zu Overalls mit geschlossenen Ärmeln bis zum Schienbein. Eine futuristische Erscheinung. Die Models werden zu unmenschlichen Kreaturen, die zu dumpfen Klängen über schwarze Folie wandeln, die scheinbar lieblos mit Kreppband befestigt wurde. Doch dann schlägt Mohr wieder gekonnt einen Haken zur tragbaren Alltagsmode und schickt einen jungen Mann in weißem T-Shirt und abgeschnittener Jeans über den Laufsteg. So ergibt sich ein Fragenkatalog nach Identität und Zukunft, Realität und Illusion, der den Betrachter irritiert, erstaunt, aber auch fasziniert zurücklässt.
Patrick Mohr machte 2007 seinen Abschluss in Modedesign an der internationalen Modeschule ESMOD München und assistierte anschließend dem dänischen Designer Henrik Vibskov. Seine T-Shirt-Kollektion zeigte er bereits im Rahmen der Pariser Fashion Week. Nun hat er mit seiner ungewöhnlichen Präsentation in Berlin wieder einmal bewiesen, dass er zurecht internationales Ansehen genießt, das selbst Suzy Menkes in der First Row Platz nehmen lässt.













