Fashion Week Berlin - creative face Special

Berlin - Stadt der Mode statt der Krise?

fredericke winkler / fotograf: nic oswald / owl
Fredericke Winkler / Fotograf: nic oswald / OWL

Fredericke Winkler für creative face Magazin
Herzlich Willkommen zur nunmehr vierten Mercedes-Benz Fashion Week und dreizehnten Premium Exhibitions in Berlin. Große und kleine, neue und bekannte Sensationen warten auf Berichterstatter, Einkäufer, Stylisten, Fotografen und Interessierte.

Zielgerichtet nähern sich modehungrige Konsumenten den beiden Zentren des Geschehens. Der Bebelplatz ist Schauort von Glamour und kunstvoller Künstlichkeit. 22 Shows hauptsächlich etablierter Lokalmatadore, wie Lala Berlin, Kaviar Gauche und Sisi Wasabi, sowie einer handvoll Majors, unter anderem Strenesse Blue, Hugo Boss, Michalsky und Bernhard Willhelm ergeben ein solides Line-Up.

In einem ehemaligen Postgüterbahnhof zeigt die Premium Exhibitions mit circa 800 Ausstellern einen Querschnitt der internationalen Textilindustrie und legt durch einige thematisch aufbereitete Nebenveranstaltungen, wie etwa ein regelmäßig stattfindendes Symposium - dieses Jahr zum Thema Denim - ihre Schwerpunkte. Dezentrale Veranstaltungen, wie eine Fotoausstellung von Iekeliene Stange in der projektGALERIE, eine Retrospektive des Berliner Vorzeigelabels c.neeon im KONK Store und natürlich die zweite Showroom-Meile entlang der Paradestraße Unter den Linden runden das Schauspiel ab.

Seit 2003 oszilliert das Gespräch über die Relevanz Berlins als europäischer Modestandort zwischen high-potential und untot. Je nach Perspektive der Betrachter fallen beide Prognosen sogar in dieselbe Saison. Die einen freuen sich über eine wachsende Aufmerksamkeit weit über die nationalen Grenzen hinaus. Die anderen mokieren sich über die diesmal fast ausschließlich deutsche Ausrichtung der Shows und resümieren über Struktur- und Kommunikationsmängel der vergangenen Saisons.

Eine Krise folgt der Nächsten, Messen kommen und gehen, Unken prophezeien im Sechsmonatsrhythmus das Wegbrechen der Gestaltungselite und Experten definieren immer wieder neue Bedürfnisse und Schwächen der heranwachsenden Designer der Stadt. Und dennoch ist von einem kollektiven Scheitern der Branche nichts zu spüren. Mit Krisen kann man an der Spree eben prächtig umgehen.

Um Berlin auf dem Modekontinent zu positionieren, stellt sich die Frage, was Europa und die Branche von ihren Standorten im Allgemeinen und von Berlin im Speziellen erwartet. Einerseits benötigt man logistische und geografische Vorteile,  eine funktionierende Struktur, sowie internationale Akzeptanz. Daran wird in Berlin von verschiedenen Seiten spätestens seit dem Weggang der Bread & Butter und der Ausrufung Berlins als City of Design durch die UNESCO 2006 - zwar mit unterschiedlicher Absicht aber dennoch - hart und konsequent gearbeitet.

Absurd wäre jedoch zu erwarten, dass dieser Standort nach branchenüblichen Kriterien beurteilbar ist, denn in den altgedienten Metropolen gilt Mode als klarer Bestandteil der Hochkultur, während in Berlin Fashion als so genannte Creative Industry erst vor einigen Jahren öffentliches Interesse weckte, nämlich als sie begann, einen ernst zu nehmenden Wirtschaftsfaktor darzustellen. Man könnte also schlussfolgern, dass das nationale Interesse an Berlin abhängig ist von Verkaufszahlen und davon, inwiefern die Fashion Week als Arbeitsplattform nutzbar ist. Das Image Berlins im Ausland bezieht sich allerdings auf einen ganz anderen Faktor, nämlich hauptsächlich auf die Innovation - sowohl kreativer als auch unternehmerischer Art - und die Coolness der Szene, womit sie zielgenau Berlins größte Stärke, und gleichzeitig ihr größtes Hintertreffen, benennt.

Selten findet man solch eine Dichte an jungen und etablierten Designern, an praxisnahem Bildungs- und Fortbildungsangebot, an innovativem Textileinzelhandel und ausgefuchsten interdisziplinären Plattformen. Druckmedien, Modeblogs, Internet-TV und andere Arten von Echtzeitberichterstattung prägen die Stadt an jedem Tag im Jahr.

Die Bundeshauptstadt bringt eine vielfältige und interdisziplinäre Kreativwirtschaft hervor, die durch die klare Prioritätenverteilung ihrer Akteure lebt. Eine freiheitliche und selbstorganisierte Arbeitsweise steht hier ebenso im Vordergrund, wie das Ausleben eines alternativen Lebensstils im Privaten. Unternehmerische Anforderungen und wirtschaftliche Zwänge werden oft auf ein Minimum reduziert und die Konsequenz - schmale Gewinne und eine aufwändige Arbeitsweise - gerne in Kauf genommen zugunsten einer größtmöglichen mentalen Freiheit und des entsprechenden Outputs. Die mancherorts kritisierte, scheinbar fehlende Professionalität Berlins ist eine Nebenwirkung ihrer typischen Erfolgsgeschichten.

Mittlerweile haben viele Kreativschaffende ihre Hausaufgaben gemacht und eine Struktur gefunden, mit der sie sich und den Anforderungen des Marktes gerecht werden, sowie in persönlichen und allgemeinen Dauerkrisen Bestand haben. Was vor einigen Jahren noch als utopistische Träumerei bezeichnet wurde, avanciert zum ökonomischen Vorteil und aufrechter Vertrauenswürdigkeit. Ob ihrer geistigen und körperlichen Flexibilität, ihrer schlanken Strukturen und vor allem ihrer positiven Leistungs- und Leidensfähigkeit haben Designer an der Spree nun einen regelrechten Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Wirtschaftszweigen.

Das Ergebnis ist schon heute eine neue Wahrnehmung der Branche von Seiten der Finanzwirtschaft, aber auch ein neues Selbstbewusstsein unter den Gestaltern, womit die Option entsteht, etwaige Schwächen in den Unternehmen und in der Gesamtbranche von vorneherein und gemeinschaftlich zu beheben. Denn eine Branche ist bekanntlich nur so erfolgreich, wie seine einzelnen Teilnehmer, so wie eine Fashion Week immer so gut, optimistisch und visionär ist, wie seine Akteure und Zuschauer. In diesem Sinne haben wir alle einiges zu tun diese Woche. Viel Spaß dabei wünscht Euch Fredericke.

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Fashion Week Berlin - creative face Special

Interview mit Senator Harald Wolf

harald wolf - buergermeister und senator fuer wirtschaft, technologie und frauen in berlin
Harald Wolf - Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen in Berlin

Anlässlich der Fashion Week Berlin interviewte Fredericke Winkler, Redakteurin Fashion & Lifestyle des creative face Magazins Harald Wolf, Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen in Berlin.

creative face Magazin: Wie hat sich die Kreativwirtschaft in Berlin in den letzten Jahren entwickelt? Welchen Stellenwert wird sie in Zukunft einnehmen?

Harald Wolf: Kreativwirtschaft ist das Zauberwort der vergangenen Jahre - weltweit sind viele Städte dabei, sich als „Creative Cities" zu positionieren. Für manche geht es dabei um Standortmarketing. Der Ansatz des Landes Berlin ist ganzheitlicher, auf die Beschleunigung des wirtschaftlichen Strukturwandels und die Zukunftsfähigkeit des Standorts ausgerichtet. In 2005 hatte der erste Kulturwirtschaftsbericht eine deutliche Signalwirkung, vieles hat sich seither verändert. Unternehmen, Netzwerke und Politik haben dazu beigetragen, dass Berlin international als Talent- und Kreativmetropole anerkannt ist.

Start of Mercedes-Benz Fashion Week Berlin autumn/winter 2009Auftakt zur Mercedes-Benz Fashion Week Berlin autumn/winter 2009

Fashion Week Berlin - creative face Special

Start of Mercedes-Benz Fashion Week Berlin autumn/winter 2009

mercedes-benz fashion week berlin autumn/winter 2009: top-model and brand ambassador mercedes-benz julia stegner with dr. kristina hammer (director global marketing communications mercedes-benz)
Mercedes-Benz Fashion Week Berlin autumn/winter 2009: Top-Model and Brand Ambassador Mercedes-Benz Julia Stegner with Dr. Kristina Hammer (Director Global Marketing Communications Mercedes-Benz)

Fashion Week Berlin - creative face Special

Fashion, Art & Music at projektGALERIE

iekeliene stange - i like ponies
Iekeliene Stange - I Like Ponies

Tom Felber für creative face Magazin
Zur Fashion Week Berlin zeigt Sven Krüger von der projektGALERIE wieder einmal, wie spannend die Verbindung zwischen Mode, Kunst und Musik sein kann. Das Areal HOF96 in der Torstraße, das gerade neu gestaltet wird, ist bis zum 1. Februar Treffpunkt für Modedesigner, Einkäufer, Mode- und Kunstliebhaber und jeden, der das besondere kreative Flair schätzt. Sven Krüger sagt über das Konzept von projektGALERIE: „Bei uns trifft Modedesign auf Kunst. Anfänglich ging es darum, jungen Designern die Möglichkeit zu geben, sich durch die Kunst inspirieren zu lassen. Mittlerweile hat sich hieraus ein Netzwerk aus Leuten entwickelt, die an dem interdisziplinären Austausch interessiert sind. Besonders wichtig ist uns allerdings, dass in diesen Kreis nicht nur das Besondere an Berlin  'konsumiert' wird, sondern dass die Mitglieder Berlin auch etwas zurück geben."